Müll, wohin man schaut



Ein Neujahrsvorsatz, der eigentlich keiner ist, denn zugegebenermaßen war es nicht meine Idee und entstammt auch nicht meinem eigenen Antrieb, dass ich dieses Jahr bereits einmal, und hoffentlich noch viele weitere Male, mit einer Gruppe Leute Müll sammeln gegangen bin.

Aber von Anfang an... 

Ich glaube, es war im letzten Dezember, als ich über Facebook eine Einladung einer Freundin zu einer Facebook-Veranstaltung bekam. Keine Party, kein Geburtstag, keine Vernissage oder Tanzperformance, nichts Glamouröses. Der Titel der Veranstaltung lautete: Kein Müll am Rhein-Aktion.
Ich wusste direkt, um was es geht, weil ich selbst auch schon oft genug am Rheinufer unterwegs war und weiß, welcher Anblick sich einem dort bietet. Und da fängt das Problem eigentlich schon an: ich weiß es, ich sehe es, ich ärgere ich darüber, ich denke darüber nach. Und dann... nichts. Das ist wahrscheinlich bei den meisten Menschen so. Man sieht etwas, in diesem Fall Müll, man stört sich daran und schimpft und wettert vielleicht sogar darüber, aber der Schritt, etwas dagegen zu unternehmen, ist zu groß. Also ist er eigentlich nicht, aber es fühlt sich so an. Da gibt es dann viele Gründe, nichts zu unternehmen, keine Zeit, keine Lust, wo fängt man an, ich schaffe das nicht alleine. Und das ist echt schade, und wirklich ein Problem. 

Mein erster Gedanke war, dass ich eigentlich auch keine Zeit habe, bzw. mir meine Wochenenden heilig sind und ich die Zeit mit meinem Mann, der Familie oder mit etwas Schönem verbringen möchte. Mein zweiter Gedanke war dann, dass das mal wieder typisch ist in Köln, kein Geld oder kein Plan für eine effiziente Müllabfuhr. Warum soll ich in meiner Freizeit Müll sammeln, wenn die städtische Müllabfuhr doch auch Menschen dafür bezahlen könnte, dies zu tun? Gedanke Nummer Drei: wer ist eigentlich so bescheuert, seinen Müll einfach in die Natur zu werfen und warum soll ich ihn dann wegräumen? Ich werde da ja immer ein bisschen sauer, weil ich für meinen Teil ehrlich behaupten kann, dass ich so etwas einfach nicht tue. Es ist für mich nicht verständlich, wie man auf die Idee kommt, seinen Müll irgendwo liegen zu lassen, sein gebrauchtes Taschentuch auf den Boden zu werfen oder gleich im großen Stil Müll in der freien Natur zu entsorgen, anstatt zur kostenlosen Müllabfuhrstelle der Stadt zu fahren. 

Ich habe dann trotz allem nicht gezögert, an der Veranstaltung teilzunehmen, aber einfach aus dem Grund, dass ich es furchtbar gefunden hätte, wenn niemand auf die Einladung meiner Freundin Stefanie reagiert hätte und sie sich alleine den Müllbergen gestellt hätte. An dieser Stelle muss ich wirklich sagen, dass die Welt froh sein kann, dass es Menschen wie Stefanie gibt, die nicht nur gucken und weitergehen, sondern die Sache in die Hand nehmen. Auch auf das Risiko hin, dass wirklich niemand teilnimmt und man mit seinem Bestreben, etwas zu ändern, alleine dasteht. Da kann ich mir definitiv noch eine Scheibe von abschneiden. 

An dem betreffenden Tag dann gab es eine Uhrzeit und einen Treffpunkt und ich war natürlich sehr neugierig, wie viele Leute sich zusammenfinden würden. Zumindest war die Veranstaltung auf Facebook mehrfach geteilt und verbreitet worden, hatte sich also in gewissem Maße herumgesprochen. Insgesamt fanden sich dann ca. 6 Leute am Treffpunkt ein und wir machten uns auf den Weg zu einem Abschnitt am Rheinufer, der beliebt ist für Spaziergänge, nächtliche Lagerfeuerrunden, Gassigänge und vieles mehr. Man muss dazusagen, dass dieser Teil des Rheinufers regelmäßig zu großen Teilen geflutet wird, wenn der Rhein über seine Ufer tritt, so ist das wohl auch gedacht. Schon allein deswegen sammelt sich dort wahnsinnig viel Müll und Unrat an, der angeschwemmt wird. 

Stefanie hatte für Müllsäcke gesorgt und dann ging es auch schon los. Wir schwärmten aus und die Müllsuche begann. Allerdings war von Suchen nicht die Rede, der Müll kam einem schon fast entgegen. Obwohl es wirklich kalt war an diesem Januartag, kam man schnell ins Schwitzen durch das fortlaufende Gehen, Bücken und Aufsammeln und die Müllsäcke, die sich in rasender Geschwindigkeit füllten. Die meisten Teilnehmer hatten sich Handschuhe mitgebracht, die auch dringend nötig waren, wegen der Kälte und wegen des Drecks. Da wurden dann auch Handschuhpaare getrennt, bzw. aufgeteilt, damit Leute, die keine dabei hatten, zumindest eine warme und saubere Hand hatten. Da hat man dann direkt gemerkt, dass so eine Gruppe einen unmittelbaren Effekt hat. Wenn man ehrlich ist, hat keiner Lust, seine Freizeit in der Kälte mit Müllsammeln zu verbringen, aber wenn man dann schon tut, soll es für alle gleich aushaltbar sein. Und so motiviert man sich dann immer wieder, noch ein Stück weiterzugehen, und nochmal einen Müllsack vollzumachen, und doch auch noch da hinten an dem Baum zu schauen. Wenn man dann irgendwann ziemlich erschöpft aufschaut, und rund um einen herum ist es sauber und man sieht in einiger Entfernung die anderen, die ebenfalls emsig weitermachen, dann merkt man, dass das wirklich einen Unterschied macht. 

Viele Spaziergänger, die an uns vorbeikamen, zeigten sich interessiert, blieben stehen und hatten Fragen zu der Aktion. Am allerbesten war für mich der Moment, als ein Hund mit einer leeren Plastikflasche im Maul auf uns zukam und uns seinen gesammelten Müll vor die Füße legte. Der wurde nämlich von seinem Frauchen, die sich direkt mit ans Müllsammeln machte, beauftragt, uns beim Aufräumen zu helfen. 

Immer wieder kamen weitere Nachzügler dazu, die es erst später geschafft hatten, dafür konnten dann einige schon früher gehen, und trotzdem war die ganze Zeit eine ungefähr gleich bleibende Anzahl an Leuten da, um den Abfall aufzusammeln. 

Nach ca. drei Stunden kamen wir zu einer Stelle, auf die wir aufmerksam gemacht wurden, und die wir im weiteren Verlauf der Aktion halb belustigt, halb entsetzt, den "Endgegner" nannten. 


Ein riesiger Berg Klamotten, Schuhe, Bettwäsche, ein Matratzenbezug, unfassbar viele undefinierbare Metallteile, ein ca. 2,5m langes Abflussrohr aus Kunststoff und einiges mehr. Alles vom Regen durchgeweicht, halb verbrannt und vieles ineinander geschmolzen. So als hätte jemand seinen gesamten Hausrat nächtens ans Rheinufer gekarrt, was an dieser Stelle übrigens mit dem Auto unmöglich zugänglich ist, und alles in Brand gesteckt. Oder es zumindest versucht. Und dann abgehauen. Ist ja irgendwie auch keine gute Idee und nicht ganz ungefährlich. 

Während wir dann den gesamten, ekelhaften Berg in insgesamt acht große Müllsäcke beförderten, kam ein älteres Ehepaar des Wegs und kommentierte unsere Aktion wie folgt: "Ach, das ist ja nett, dass ihr wenigstens hinter euch aufräumt!" WHAT THE F....????? Ich glaube, wir haben alle ziemlich ungläubig und wütend geschaut, denn die Beiden ruderten dann recht schnell zurück und wollten wissen, hinter wem wir denn da aufräumten. Ja, das wüsste ich auch gerne. Auf die Frage hin, ob sie sich denn beteiligen wollten, wir hätten noch Müllsäcke übrig, folgte viel Gestammel und verlegenes Gehüstel. Und mehr nicht, aber das war ja irgendwie absehbar. 

All die gefüllten Müllsäcke mussten dann noch zu dem ca. 200m entfernten Fußgängerweg gebracht werden, damit die städtische Müllabfuhr (die übrigens von Stefanie vorab informiert worden war) am nächsten Tag abgeholt werden konnten. Nach insgesamt ungefähr vier Stunden war ich kaputt und bin nach Hause gegangen, der harte Kern blieb ca. noch eine weitere Stunde, um die restlichen Müllsäcke an Sammelstellen zu bringen. Alles in allem also eine 5-stündige Aktion, die zwar länger dauerte, als ich es vorher gedacht hatte, aber auch viel sichtbarer und effektiver war, als ich es mir vorgestellt hatte. 

Wie gesagt, das soll nicht die Letzte gewesen sein, daher hier der Link zu der nun existierenden Facebook-Gruppe, die von Stefanie gegründet wurde, und mit der sich schon viele weitere Gruppen vernetzt haben: https://www.facebook.com/groups/402118396792752/

Ich freue mich über Feedback und toll wäre natürlich, wenn sich noch mehr Müllsammler finden würden! 

Hier noch ein paar Impressionen des "Endgegners": 






Kommentare

  1. Super Aktion - Kompliment!
    Als ich im Oktober in Frankfurt viel Fahrrad gefahren bin, ist mir das auch aufgefallen, das oft Müll "herumliegt".

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